Night on Bike … Yasmin 14 Stunden Solo

Foto: Thomas Gerstmann

Am vergangenen Wochenende war mal wieder viel los. Silvia hatte einen schönen Fahrtechnikkurs Level 1 und Thomas W. startete mit dem harveycom.it Team im 6er Team bei der Night on Bike in Radevormwald. Aber so richtig durchgestartet ist unsere Yasmin, die das 14 Stunden Rennen als Solofahrerin absolvierte. Aber lest selbst, wie es ihr dabei ergangen ist 🙂

Nutrixxion Night on Bike 2015 in Radevormwald: Weil Michaela ihren Solostartplatz für die 14 Stunden abgeben wollte, hab ich mich ziemlich kurzfristig entschieden, es mal mit so einem Rennen zu versuchen. Bisher waren Langstrecken ja nie so mein Ding, aber mal die Erfahrung einer Solofahrt bei einem Stundenrennen zu machen hat mich schon immer gereizt. Diese Grenzerfahrung wollte ich doch wenigstens einmal im Leben selbst „erfahren“. Glücklicherweise hat Michaela selbst sich dann auch noch bereit erklärt, meine Betreuerin zu sein. Wer könnte das besser als sie, hat sie doch selbst schon jede Menge Erfahrung als Solofahrerin. Thomas ließ sich auch sehr gerne überreden, mit dabei zu sein als Betreuer, Schrauber und Fotograf.

Foto: Thomas Gerstmann
Foto: Thomas Gerstmann

Dass es nicht einfach werden würde, überhaupt durchzuhalten, war mir von vorneherein klar. Zumal ich auch Nachtfahrten nicht unbedingt toll fand bisher. Eine meiner Konkurrentinnen war die Deutsche Meisterin im 24 Std. Rennen Einzel, Jana Kalbertodt. Vor ihr hatte ich einen Heidenrespekt. Dann hat eine weitere Frau ihren Startplatz wohl auch abgegeben und an ihre Stelle trat Sabine Fischer, eine ebenfalls sehr starke Frau, die so ziemlich alles abräumt was es abzuräumen gibt. Das konnte ja heiter werden, dachte ich mir noch. Mein einziger Hoffnungsschimmer war, das das Wetter so unbarmherzig heiß bleibt, und mir das Vorteile bringen würde. Mit meinem Schwarzwälder Blut in den Adern liegt mir die Hitze mehr als alles andere. Und mir war ebenfalls klar, dass ich mir größere Pausen oder gar ein Nickerchen definitv nicht erlauben konnte.

Nach dem häuslichen Einrichten im Fahrerlager verging die Zeit bis um 20 Uhr abends doch recht schnell. Es war schön, wieder ein paar vertraute Gesichter zu sehen, zu klönen und Facebook-Freunde zu treffen, die ich bisher nur online kannte aber kein reales Gesicht dazu Ganz besonders hat es mich natürlich gefreut, meine Teamkollegen Silvia alias Grace und Thomas von greenzone biking zu sehen.

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Foto: Thomas Gerstmann

Bis kurz vor dem Start war ich so unaufgeregt wie noch nie vor einem Rennen. Ich wollte es locker angehen und vor allem darauf achten, die Belastung überwiegend im Fettverbrennungsbereich zu halten um die ganzen 14 Stunden ein konstantes Tempo fahren zu können. Gleich nach der ersten Runde kam dann schon der erste Schock, Jana hatte bereits 14 Minuten Vorsprung, und dabei war sie nicht mal die Erste, vor ihr war auch noch die Sabine. Zum Glück hab mich nicht beirren lassen und bin weiter mein Tempo gefahren. Die Strecke war so schön und kurzweilig, gerade die rasanten Wurzelpassagen waren genau mein Ding. Die ersten beiden Stunden vergingen wie im Flug. Irgendwann verringerte sich der Abstand auf meine Mitstreiterinnen auf 9 Minuten, das hat mich etwas aufgebaut. Ich habe wirklich jeden Kilometer genossen, die Stimmung war so toll am Streckenrand. Die Anwohner haben einen angefeuert, Kinder sorgten mit Wasserspritzpistolen für eine kleine Abkühlung zwischendurch. Auch das Erklimmen des Schweinebergs wurde in jeder Runde von den zwei „Trötern“ mit lustigen Sprüchen belohnt. Die, die mitgefahren sind, wissen sicher, welche beiden ich hier meine. Als es dunkel war, sah man ab und zu die Lichter der anderen Fahrer irgendwo im Wald aufblitzen, oft war man auch ganz alleine. Es war eine einzigartige Stimmung. Die Nacht war noch viel schöner als der Tag, man hat die Eindrücke noch intensiver erlebt.

Foto: Thomas Gerstmann

Irgendwann hab ich Jana auf der Strecke gesehen, und ich konnte locker an ihr vorbeiziehen. Nun war ich auf Platz 2. So nach 6 Stunden fing es langsam an, weh zu tun. Michaela und Thomas kümmerten sich rührend um mich, versorgten mich mit frischen Getränken und Eßbarem und ertrugen auch klaglos mein Wimmern. Der Abstand zu Sabine schrumpfte von Runde zu Runde, das war mein einziger Strohalm, als mein Magen irgendwann anfing, rumzuzicken. Ich hatte extra darauf geachtet, ausreichend zu trinken. Aber wahrscheinlich war das ganze Blut in der Muskulatur und mein Körper hatte keine Reserven mehr für die Verdauung. Ich musste leider etwas Tempo rausnehmen und hab mich erst mal auf reines Wasser beschränkt. Eigentlich hatte ich irrsinnigen Hunger, und trotzdem musste ich mich mit aller Macht zusammenreissen, dass der Mageninhalt dort bleibt, wo er ist.

Ich hab auf und neben der Strecke so viele Zusprüche bekommen, vielen Dank dafür. Da war auch nie eine Sekunde der Gedanke, dass ich aufhören möchte oder die Frage, warum ich mir das antue. Es war Himmel und Hölle zugleich. Noch nie habe ich so viele gegensätzliche Empfindungen erlebt wie in dieser Nacht. Irgendwann teilten Thomas und Michaela mir mit, dass ich vorne liege, also auf Platz 1. Puh, das war echt ein Glücksgefühl. Zum ersten Mal ließ ich den Gedanken zu, wie es wohl sein würde, das Ding hier zu gewinnen. Meine Taktik, einfach ruhig und dafür konstant zu fahren, ging tatsächlich auf. Als es anfing, zäh zu werden, hab ich mir immer eine Belohnung nach jeder Runde versprochen. Einmal war es die warme Nudelsuppe auf die ich mich freuen konnte, oder ein paar Minuten Pause mehr um entlastende Rückenübungen zu machen, oder frische Klamotten anzuziehen. Unglaublich, wie man sich auf solche kleinen Dinge freuen kann. Zwei längere Pausen von je 5 und 10 Minuten habe ich mir gegönnt, ansonsten musste es immer sehr schnell von Runde zu Runde gehen, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Sabine blieb mir auch weiterhin dicht auf den Fersen, einmal hatte ich nur noch 30 Sekunden Vorsprung, den ich aber in der kommenden Runde wieder ausbauen konnte.

Foto: Thomas Gerstmann

Früh am morgen, als es schon wieder hell war, zog eine Gewitterfront auf. Es wurde immer bedrohlicher, und da fielen auch schon die ersten Tropfen. Anfangs sorgten die noch für etwas Abkühlung, aber schon bald kam es zu Sturmböen und wolkenbruchartigem Regen. Die Trails waren sofort überschwemmt mit kleinen Sturzbächen und man musste höllisch aufpassen, nicht zu stürzen. Das hätte grade noch gefehlt so kurz vor dem Ende. Aber auch diese Minuten hab ich genossen. Diese einzigartige Stimmung im Wald, wie die Luft riecht. Es war unbeschreiblich.

Glücklicherweise war ich im letzten Drittel meiner Runde und kam heil im Fahrerlager an. Dort wurde mir gesagt, dass das Rennen unterbrochen sei, bis das Gewitter vorbei ist. Das war kurz vor acht Uhr, bis um zehn Uhr wäre das Rennen noch gegangen. Wir Fahrer durften dann abstimmen und haben uns dafür entschieden, das Rennen zu beenden. Es wäre nicht mehr möglich gewesen, die Strecke sturzfrei fahren zu können.

Foto: Thomas Gerstmann

Ich war dann sehr erleichtert, mir haben die letzten 12 Stunden dann doch schon gereicht. Eigentlich wollte ich die 4000 HM noch vollmachen, das ist mir nicht mehr gelungen. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis ich wirklich realisiert habe, dass das Rennen beendet ist und ich die Frau mit den meisten Runden bin. Erleichterung, Freude, Erschöpfung, ich weiß gar nicht, was in dem Moment so an Gefühlen über mich hereingebrochen ist. Sehr gerne hätte ich mein Bike Purple Eagle in der letzten Runde durch den Zielbogen getragen, leider kam es dazu dann nicht mehr wegen dem vorzeitigen Rennende.
Es waren unvergessliche Stunden, und ich möchte nicht eine einzige Sekunde davon missen. Wirklich keine. Danke an Michaela, Thomas, und meinen Trainer Wolf-Thorsten Witt, Diagnostik Beratung Training. Ihr habt mir durch Euren Einsatz und Eure Tipps und Eure mentale Unterstützung erst ermöglicht, so etwas durchzustehen.

Insgesamt sind 52 Einzelfahrer gestartet, davon waren 5 Frauen. Meine Platzierung war 1. Frau gesamt sowie 9. overall. 16 Runden wurden gewertet, die 17. Runde wurde aufgrund des Gewitters nicht mehr gewertet. Insgesamt waren es 189,3 km und 3.620 Höhenmeter, die ich gefahren bin.

Ach ja, ich wurde einige Male gefragt, ob ich das nochmals machen würde. Meine Antwort war: Frag mich das in 2 Tagen nochmal. Jetzt beantworte ich diese Frage mit einem klaren JA!!!